„Die Zeit“fälscht Interview mit KI

Wenn man gerade noch dachte, ein Normenverstoß sei ein Versehen, ein Ausrutscher, eine einmalige Schwäche, wird er im nächsten Moment zur Regel, zu der die Urheber sich auch noch keck selbst bekennen.

Vor kurzem habe ich darauf hingewiesen, dass ein angebliches Interview mit der Schlagersängerin Helene Fischer in der Kölnischen Rundschau offenbar von einer Künstlichen Intelligenz (KI) erzeugt worden war. Nun eskaliert die Wochenzeitung „Die Zeit“ die Diskussion total. Aus Anlass des 250. Geburtstags des schottischen Nationalökonomen Adam Smith generiert die „Zeit“ ein Interview mithilfe der KI und brüstet sich auch noch stolz damit:

Zum 250-jährigen Jubiläum seines bekanntesten Werkes, „Der Wohlstand der Nationen“, holten wir Smith mithilfe künstlicher Intelligenz zurück. Wir speisten seine Bücher, Essays und eine Sammlung seiner Korrespondenz in das neueste KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic ein und baten es, für ihn zu antworten. Ein scharfsinniger und streitbarer Smith materialisierte sich auf dem Bildschirm, der für seine Ausführungen wie zu Lebzeiten weit ausholte.

Um es klar zu sagen: Es handelt sich hier nicht um ein Interview, sondern um einen rein fiktionalen Text. Die KI-Firma Anthropic, die für das Machwerk verantwortlich ist, hat auch nicht, wie die „Zeit“ schreibt, „für ihn geantwortet“. Denn Adam Smith ist seit Jahrhunderten tot, und wir können nicht wissen, wie Adam Smith auf die heutigen Fragen und Probleme geantwortet hätte. Entsprechend ist es auch keineswegs so, dass sich „ein scharfsinniger und streitbarer Smith materialisierte“. Vielmehr sind die Antworten nur genau so scharfsinnig und streitbar, wie die KI es will und zulässt. Eklatant idiotisch wird es, wenn die „Zeit“ weiter schreibt:

Für diese Veröffentlichung haben wir das Interview gekürzt und redigiert. Das englische Original, in dem er sich auch über den Klimaschutz auslässt und eine neue Welthandelsordnung entwirft, ist in voller Länge unter www.zeit.de/smith abrufbar.

Idiotisch ist es schon deswegen, weil sich Fragen nach „Klimaschutz“ und erst recht einer „neuen Welthandelsordnung“ zu Zeiten von Adam Smith noch gar nicht stellten. Dies macht auch die Fälschung der „Zeit“ besonders deutlich: Adam Smith hat der „Zeit“ eben kein Interview gegeben, es ist buchstäblich „Fake News“, Nonsens, eine Absurdität. Was die „Zeit“ damit bezweckt, außer die berufsethischen Standards des Journalismus in bodenlose Tiefen zu versenken, bleibt schleierhaft.

Man stelle sich nur probeweise vor, die „Zeit“ würde dasselbe Verfahren bei einer lebenden Person anwenden. Die Person würde vermutlich, völlig zu recht, juristisch dagegen vorgehen. Adam Smith kann sich leider nicht mehr wehren – aber die Leser:innen der „Zeit“ können es. 

Link:

Die Zeit: „Interview“ mit Adam Smith

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Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt polit. Kommunikation an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg.

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