
Wann hat sich eigentlich der Westdeutsche Rundfunk (WDR) vom seriösen Nachrichtenmachen verabschiedet? War das ein schleichender Prozess oder hat jemand das spontan beschlossen? Wer in den Radiowellen des WDR zur vollen Stunde ernsthaft über die Welt unterrichtet werden will, ist bei diesem Sender definitiv fehl am Platz.
Mir ist das schon eine geraume Weile aufgefallen: Ernstzunehmende, relevante, gesellschaftspolitisch wichtige Nachrichten sind massiv Mangelware in den Nachrichtensendungen des WDR Hörfunks. Stattdessen höre ich viel regionales Trallala nach dem Motto: „Kann man machen, muss man aber nicht“. Es vergeht auch kaum eine Sendung, in der nicht irgendeine „Heile Welt“-Nachricht meine Ohren belästigt, die man im WDR wohl mit konstruktivem Journalismus verwechselt hat. Kultur kommt praktisch nur vor, wenn es einen regionalen Bezug gibt, eine WDR-Untergliederung beteiligt oder ein Prominenter (am besten aus der ARD bekannt) verstorben ist.
Na gut, es gibt Saure-Gurken-Zeiten, bei denen Radiomenschen sicherlich auch mal über einen Buckelwal froh sind. Eine verstorbene Fernsehmoderatorin oder eine Fun-Sportart, die ein Fanclub in Castrop-Rauxel erfunden hat, sind dann vielleicht auch mal drin. Aber in ganz normalen Zeiten mit der inzwischen zur Normalität gewordenen globalen Multikrise sieht im WDR Radio die Nachrichtenauswahl so aus (30.05.2026, 10:00 Uhr, in dieser Reihenfolge):
Gewitter über NRW
Berlin: Parteitag der FDP
Buckelwal wird geborgen
Brennerpass ist gesperrt
Mülheim/Ruhr: Explosion in Hauseingang
Region: Lastwagenkorso für Kinder, die einen möglichst schönen Tag haben sollen
Wetter: Schauer und Gewitter
Es gibt in unserer Zeit zahlreiche unselige militärische Konflikte. Einige davon spüren wir ganz konkret im Portemonnaie, an der Zapfsäule, im Supermarkt und bei der Urlaubsplanung. Nur im WDR Radio spüren wir nichts davon. Die ARD betreibt 28 Auslandsstudios in 25 Ländern, in denen mehr als 100 Hörfunk- und Fernsehkorrespondent:innen arbeiten. Nur in den WDR-Nachrichten dürfen die nicht vorkommen. Dabei sind schon 25 Auslandsdependancen angesichts 193 UNO-Mitgliedsstaaten nicht sonderlich viel. Im gesamten frankophonen Afrika gibt es beispielsweise kein einziges ARD-Studio. In der hier beispielhaft angeführten Nachrichtensendung des WDR gibt es keine einzige Meldung aus dem Feld der internationalen Politik.
Aber nicht nur die Auslandsberichterstattung ist völlig unterbelichtet. Auch das Wirtschaftsressort spielt offensichtlich bzw. offen hörbar keinerlei Rolle. Von Kultur ganz zu schweigen. Wie kann das sein?
Ich möchte hier nicht über einen politischen Willen dahinter spekulieren. Was ich allerdings schon seit vielen Jahren kritisiere, ist, dass in den höheren Hierarchieebenen des WDR journalistische Expertise eine völlig untergeordnete Rolle spielt. Und das kommt so: Journalismus wird im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fast ausschließlich von freien Mitarbeiter:innen gemacht, die aber als Angestellte dritter Klasse praktisch keine Chance haben, in dieser Hierarchie aufzusteigen. Umgekehrt, wer im WDR Karriere macht, hat mit journalistischer Produktion in seinem Berufsleben nicht viel zu tun gehabt. Ich habe selbst 17 Jahre für diesen Sender gearbeitet und könnte etliche Beispiele namentlich hersagen, die diese These untermauern. Von politischer Seite scheint diese Praxis erwünscht zu sein, sonst hätte man ihr längst einen Riegel vorschieben können. Warum allerdings der Rundfunkrat als Aufsichtsgremium diesem rasanten Verfall der journalistischen Qualität nicht Einhalt gebietet, ist mir schleierhaft.
Nachrichten sind das, wonach wir uns richten sollen. Den Hörerinnen und Hörern der WDR Nachrichten ist dazu nicht zu raten. Für den WDR ist der Tellerrand so hoch, dass es offenbar für seine Nachrichtenredaktion unmöglich ist, darüber hinaus zu gucken.
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