Corona-Krise und historische Vergleiche

(Foto: HH)
Die Corona-Krise verleitet offenbar zu großen historischen Vergleichen. Erst im geschichtlichen Maßstab wird schließlich die Krise so richtig groß und gefährlich — also so, wie es der Journalismus liebt. Nicht immer ist das korrekt.
Ich will ja nicht beckmessern, liebe Sueddeutsche Zeitung, aber der heutige Aufmacher scheint mir historisch doch ziemlich neben der Spur:
„Nicht einmal als die Pest wütete, hat es eine solche Leere im Vatikan gegeben“.
Oder auch der ziemlich absurde Satz im Online-Artikel:
„Und so erlebt Rom seine ersten Ostern ohne richtiges Osterfest in zweitausend Jahren“.
Pestepidemien gab es natürlich viele in Europa, aber wenn man an historische Kerndaten erinnern will, dann denken doch die meisten wohl an die große mittelalterliche Seuche Mitte des 14. Jahrhunderts — und da war Rom seeehr leer, denn der Papst und sein Hofstaat waren für 70 Jahre im südfranzösischen Avignon. Und auch davor war nicht so wahnsinnig viel los im Vatikan, denn bis zum 15. Jahrhundert war der Lateranspalast auf der anderen Seite der Stadt Rom der Papst- und Bischofssitz (Bischofssitz ist er im übrigen bis heute). Und wenn wir noch weiter zurückgehen wollen: Beispielsweise unter Kaiser Nero (also etwa vor 2000 Jahren) waren die Osterfeierlichkeiten in Rom vermutlich auch eher etwas stiller.
Kurzum: In der aktuellen Corona-Krise werden schon einige eigenartige historische Vergleiche gezogen. Die Krise selbst scheint vielen Redaktionen noch nicht dramatisch genug, da muss die Passform der Katastrophe durchs Historisieren noch angepasst, überspitzt und dramatisiert werden. Auch wenn die Vergleiche oft schief, daneben oder schlicht falsch sind.

Corona-Krise: Schlimmste Krise seit dem 2. Weltkrieg?

Sehr verwunderlich finde ich auch den Hinweis, es handle sich um die „schlimmste Krise seit Ende des 2. Weltkriegs“. Dieser Vergleich wird von der Politik bemüht (auch von der deutschen Kanzlerin), vom Journalismus aber willfährig weiterverbreitet, ohne ihn mal zu hinterfragen.

Hier wird doch Inkommensurables miteinander in Beziehung gesetzt! Natürlich kann man jederzeit auch Äpfel mit Birnen vergleichen, denn Vergleich heißt ja nicht Gleichsetzung. Schon wahr. Aber was hat andererseits ein Menschheitsverbrechen mit Abermillionen Toten und der Vernichtung der moralischen Substanz einer ganzen Nation auf Generationen hinaus mit einem Krankheitserreger und der Schließung von Bekleidungsgeschäften zu tun? Gar nichts. Der 2. Weltkrieg und seine massiven und brutalen Folgen waren auch keine „Krise“ — wer so etwas öffentlich behauptet, stellt sich intellektuell schon fast auf das Niveau eines Herrn Gauland von der AfD mit seinem „Vogelschiss“.
Hier wäre verbale Abrüstung wirklich unbedingt angesagt.

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Über Medienhektor 76 Artikel
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt polit. Kommunikation an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg.

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