Sternstunden des Online-Journalismus: WAZ erzählt Märchen

Viele versuchen, im Online-Journalismus mit seriöser Information zu punkten. Nicht so die WAZ: Sie probiert es mit Märchen.

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, kurz: WAZ, war einmal eine seriöse regionale Tageszeitung aus dem Ruhrgebiet und hatte einmal die höchste Auflage aller Regionalzeitungen in Deutschland. Es war einmal … Heute wird die Auflage der WAZ gar nicht mehr einzeln veröffentlicht, und das wird schon seine Gründe haben. Um wenigstens im Internet noch ein Klicks zu kassieren, um damit auch Geld zu kassieren, hat die WAZ sich jedenfalls vom sinnvollen Journalismus verabschiedet. Gepunktet wird auf der Webseite der WAZ nur noch mit Clickbaiting, das auf Nonsens-Überschriften mit ebenso sinnfreiem Inhalt basiert.

Dazu muss man nur die Homepage der WAZ, derwesten.de, aufrufen. Da schreien einen die hilflosen Versuche, ein paar Klicks zu erbetteln, auf schon beinahe mitleiderregende Weise an. Hier ein paar Kostproben:

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Das sind nicht etwa die Überschriften aus dem Panorama-Ressort, das man nach langem Scrollen irgendwo unten auf der Webseite aufstöbert kann. Nein, mit diesen Meldungen macht die Homepage der WAZ heutigen Tags (3.2.2019) auf! Die erste Meldung an diesem Tag (nach der „Top-Story“ über Schalke 04) ist überschrieben mit „Hund beobachtet jede Nacht das Bett seiner Familie: Aus diesem erschütternden Grund“. Darin ist folgendes zu lesen:

Jeder muss sich erst einmal an ein neues Zuhause gewöhnen, auch der Familienhund. Hunde, die in einer unbekannten Umgebung untergebracht sind und dann gezwungen werden, mit Menschen zu interagieren, die sie nicht kennen, sind verwirrt. Für jede Kreatur kann eine neue Umgebung erst einmal beängstigend sein. (…)

Eine US-amerikanische Familie hat kürzlich ihren neuen Hund aus einem Tierheim adoptiert und der Hund schien seine neue Familie zu lieben. Sie liebten ihn auch, duschten ihn mit Sorgfalt und kuschelten miteinander.

Sie nahmen ihn mit auf Spaziergänge, spielten den ganzen Tag mit ihm und es gab absolut keine Probleme. Doch jede Nacht, wenn die Eltern sich ins Bett legten, bemerkten sie, dass der Hund jede Nacht neben ihnen saß und sie einfach anstarrte, bis sie einschliefen. Als sie aufwachten, starrte der Hund sie immer noch an, das berichtet das Portal gladiwre.com.

Wer so weit gelesen hat, fragt sich, wo eigentlich irgendeine gesellschaftliche Relevanz oder ein Nachrichtenwert sich verstecken könnte, der die Onlineredaktion der WAZ dazu bewogen hat, diese Geschichte (die sie augenscheinlich auch nur aus einer amerikanischen Quelle abgeschrieben hat) überhaupt zu publizieren, und dann auch noch so prominent als erste Meldung des Tages nach der Titelgeschichte.

Ein Märchen wie eine Schlaftablette

Irgendwann, wenn man dieses schmerzliche Machwerk wirklich weiter und weiter gelesen hat und selbst nicht eingeschlafen ist, wird so etwas wie eine tiertiefenpsychologische Erklärung für den hündischen Schlafentzug geliefert. Selbstredend wurde kein Veterinär, kein Hundezüchter oder sonst irgendjemand, der die hanebüchene Story verifizieren könnte, befragt, denn das hätte ja Zeit und Geld gekostet, die die Funke Mediengruppe, zu der die WAZ gehört, zwar verdienen, aber offensichtlich nicht ausgeben will.

„Der Vorbesitzer des Hundes wartete eines Nachts darauf, dass der Hund einschlief, nachdem er ihn mit Schlaftabletten ruhiggestellt hatte. Sobald er schlief, trug er ihn ins Tierheim und ließ ihn dort für immer zurück. Der Hund wachte im Tierheim auf und sah seinen Besitzer nie wieder. Ein traumatisches Erlebnis für das arme Tier.“

Das arme Tier? Der arme WAZ-Leser! Hier wird dem Publikum nicht nur ein albernes Märchen zugemutet, es ist auch wie ein Märchen geschrieben (z.B. durchgehend im Präteritum), und es endet sogar — man mag es kaum glauben — wie ein Märchen:

„Von diesem Tag an schlief der liebenswerte Köter fest in seinem Zimmer mit ihnen und die Familie lebte glücklich mit ihrem Hund zusammen.“

Echt jetzt, WAZ? Schon traurig, wie weit es mit einer Redaktion gehen kann, wenn Auflagen und Verlegererwartungen nicht mehr zusammenpassen. Immerhin hat die ganze märchenhafte Geschichte auch ihr Gutes: Wenn die WAZ so weitermacht, wird es sie bald nicht mehr geben. Und dann können die Menschen im Ruhrgebiet endlich wieder gut schlafen.

Über Medienhektor 42 Artikel
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt polit. Kommunikation an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg.

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