Zeit für Helden?

Schützengraben früher (Bild: Zeno.org)

„In dieser grossen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt“, so schrieb am Ende des Ersten Weltkriegs der Wiener Satiriker Karl Kraus, seine Wortlosigkeit in Betracht der Ungeheuerlichkeiten des Krieges entschuldigend,

„in dieser ernsten Zeit, die sich zu Tode gelacht hat vor der Möglichkeit, daß sie ernst werden könnte; von ihrer Tragik überrascht, nach Zerstreuung langt, und sich selbst auf frischer Tat ertappend, nach Worten sucht; in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten“.

Wortlosigkeit wäre es, die man sich manchmal in der aktuellen Berichterstattung über den Krieg, den Herr Putin über die Ukraine gebracht hat, wünschen würde. Stattdessen werden wieder Helden geboren!

„Die Helden der Ukraine machen uns Mut“ (Watson.ch)
„Die Helden von Kiew“ (NZZ)
„Immer mehr Geschichten von ukrainischen Heldentaten tauchen auf“ (Buzzfeed)

Ach, was haben wir den Heldenmut vermisst! In diesem zwar mit Atomwaffen ausgerüsteten, aber irgendwie pazifistisch sich fühlenden Deutschland mit seiner auf sympathische Weise schlecht ausgerüsteten Armee, die erfreulicherweise personell völlig unterbesetzt ist, war bislang für Heldentum und Heldenmut kein rechter Platz. Jetzt endlich aber darf die Brust wieder schwellen, wenn auch der besungene Mut derjenige von anderen Leuten ist. Es ist soviel Heldentum in der Luft, dass selbst die zu Helden mutieren, die bis vor Kürzestem noch vor allem Verursacher großer Umweltsünden waren, wie zum Beispiel die Kraftfahrer: Sogar „Busfahrer werden zu Helden“, konstatiert die Schwäbische Zeitung. Die Bildzeitung überschlägt sich regelrecht, was die Heldenhymnen angeht: Vom „Helden-Präsident“ schreibt sie, „die wahren Helden“ nimmt Kolumnist Franz Josef Wagner wahr, und selbst die Ehefrauen dieser Helden erhalten von „Bild“ eine Aufmerksamkeit wie sonst nur die Spielerfrauen der Fußballbundesliga:

„Die starken Frauen der Ukraine-Helden“.

Helden sind eigentlich die Protagonisten von Geschichten: Man kennt das Helden-Epos, das Helden-Gedicht, den heldenhaften Prinzen im Märchen oder auch die Action-Helden des Blockbuster-Kinos. Entsprechend formulierte der amerikanische Schriftsteller Scott Fitzgerald einst: „Wer mir einen Helden zeigt, dem zeige ich eine Tragödie“. Genau so ist es: Helden gehören auf die Bühne, aber in fiktionalen Stoffen, auf dem Theater oder im Kino, nicht aber in der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit ist keine Geschichte, noch nicht mal eine Tragödie, sondern viel schlimmer.

Der Komödiant als Held

Das etwas Bizarre an der Geschichte, die sich leider Wirklichkeit schimpft und die hier vielleicht tatsächlich mal die unselige Liaison mit ihrer eigenen Ironie eingeht, ist, dass Wolodymyr Selenskyj, der gewählte Präsident der Ukraine, wirklich ein Held ist: Ein Serienheld, ein TV-Star, ein Komödiant. Dass dieser Komödiant nun zum Hauptdarsteller einer Tragödie geworden ist, kann man wirklich als tragisch bezeichnen, geradezu als Tragik hoch zwei. Ob man mit dem Komödianten als Präsidenten womöglich den Bock zum Gärtner gemacht hat, ist eine mittlerweile zweitrangige Frage. Denn die Tragödie ist ja wörtlich übersetzt der Bocksgesang, in keinem Garten hätte dieser Bock also mehr zu suchen als in der dornigen Heckenlandschaft der Tragik, in der die bewaffneten und die publizistischen Heckenschützen ihm nachstellen. Doch mit dem Krieg in der Ukraine hat der Präsidenten-Schauspieler seinen Heldenstatus vollends eingebüßt. Denn dieser Krieg ist keine Fernsehserie, auch wenn er uns vor allem über das Fernsehen in Nachrichten, Sondersendungen und Brennpunkten — den eigentlichen Kriegsgewinnlern — auf die Pelle rückt. Der Held ist tot, bevor er gestorben ist. Inwieweit der Präsident Selenskyi immer noch eine Rolle spielt, ob eine komische oder eine tragische, oder aus der Rolle gefallen und in der Realität angekommen ist, wird der Nachgang der Geschichte entscheiden, wenn wir ihre Moral längst kennengelernt haben.

Publizistische Breitseite

Mit dem Krieg in der Ukraine hat sich in der journalistischen Berichterstattung etwas Wesentliches geändert. Es gibt jetzt eine Kriegsberichterstattung. Ich habe das in dieser Form in den vergangenen militärischen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen, die hierzulande die Seelen beschäftigt haben, noch nicht erlebt. Analysen militärischer Strategien, Offiziere, die im Radio lange Interviews zu taktischen Aspekten des Kriegsgeschehens geben, Diskussionen über einzelne Waffensysteme und deren Pro und Contra: Die „Militärexperten“ betreten die Bühne journalistischer Berichterstattung und dürfen in Gala-Uniform oder in Tarnfleck ihre Expertise dem noch gar nicht so kriegsmüden Publikum zum besten geben.

Militärexperte erwartet Ukraine-Aufteilung“ (Tagesspiegel)
„Militärexperte erwartet schnelle Einkesselung von Kiew“ (Stern)
„Militärexperte hält Waffenlieferungen für sinnvoll“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland)

Wie so oft im Journalismus weiß man nicht so recht, was diese Experten eigentlich zu ebensolchen macht. Ist es die ordensdekorierte Brust, ist es die eigene Beteiligung an ungezählten Waffengängen der Vergangenheit oder reicht es, mal ein schlaues Buch von Clausewitz gelesen zu haben, um gewitzt über das Handwerk des Tötens sprechen zu dürfen? Mein Verdacht: Würde man alle diese Experten an die Front schicken, wäre dieser Krieg sehr schnell vorbei. Noch wartet das Fernsehvolk auf Wolfgang Bosbach und Sarah Wagenknecht mit Stahlhelm und schusssicherer Weste in den zu kleinen Polstersesseln der „Anne Will“-Talkshow, die uns den Kriegsverlauf erklären und im rheinischen Singsang der eine und im knallharten marxistisch-leninistischen Tonfall die andere die Frontlinien begradigen. „Nachschublinien“, „humanitäre Korridore“ und „regionale Feuerpause“ sind Begrifflichkeiten, an die jedenfalls ich mich in der journalistischen Berichterstattung erst einmal gewöhnen muss. Ach, wer hätte gedacht, dass wir uns noch einmal in Zeiten zurücksehnen, in denen es im Journalismus um EEG-Umlagen, Windrad-Abstandsempfehlungen oder das tägliche Kleinklein des Parteiengezänks ging.

Matthias Döpfner ruft zum Krieg

Neben dem Helden kennen alle Tragödien auch den Schurken. Auch diese Geschichte kennt einen Schurken, und es ist nicht Wladimir Putin. Denn Putin agiert in der wirklichen Welt und nicht in der Geschichte, und auf diesem Schauplatz ist das Wort Schurke schlechterdings zu tief gegriffen. Der Schurke dieser Geschichte hat aber einen Namen, und er lautet Matthias Döpfner. Nun eignet sich Döpfner bilderbuchmäßig als Schurke, ist er doch der Chef der Axel Springer SE und damit des Verlags, der mit der Bildzeitung für den journalistischen Auswurf der publizistischen Gesellschaft zuständig ist. Aber man muss so eine Rolle natürlich auch für sich annehmen und ausfüllen. Und hier hat Döpfner ganze Arbeit geleistet. In einem Kommentar seiner Bild-Postille ruft er unverhohlen zu den Waffen:

„Wenn man ein Dilemma vereinfacht, wird es dadurch nicht falsch, sondern nur kürzer: Wenn Putin Kiew erobert, weil der Westen, also vor allem die Mitglieder der Nato, keinen militärischen Widerstand geleistet haben, ist der Westen geschwächt. (…)

Deshalb müssen die Nato-Mitglieder JETZT handeln. Sie müssen JETZT ihre Truppen und Waffen dahin bewegen, wo unsere Werte und unsere Zukunft NOCH verteidigt werden. Zur Not ohne Nato“.

Dass Döpfner die Kanone unter den deutschen Verlegern ist, hat er ja bereits hinlänglich bewiesen und als Vorsitzender des Verlegerverbands BDZV schon einen der wichtigsten deutschen Verlage, die Funke Mediengruppe, aus den eigenen Reihen hinauskartätscht. Dass dieser Granatwerfer unter den deutschen Zeitungsmachern sich aber diesen Bombenspaß erlaubt, finden nur wenige zum Totlachen. Auf Twitter kann man aus vielen solcher Münder, die nur Zivilisten gehören können, lesen:

Selbst Hans-Georg Maaßen, der rechtsverdrehte Ex-Verfassungschutz-Chef, ist ob der Döpfner’schen Schreibwut, die zur Schießwut mutierte, aus seinem zerebralen Dämmerzustand aufgetaucht. Selbst ein Scharfmacher vor dem Herrn bekommt auch ein Maaßen es mit der Angst zu tun, wenn der Springer-Chef die publizistischen Waffen scharf stellt, und twittert:

Wenn es in ferner Zukunft doch einmal zum Tribunal gegen die Kriegsverbrecher der aktuellen Lage kommen sollte, dann sollte man sich daran erinnern, dass Bild-Verleger Matthias Döpfner den 3. Weltkrieg ausgerufen hat, um den 3. Weltkrieg zu verhindern. Man ist gewillt, dies mit einem beeinträchtigten Geisteszustand des vormaligen Kunsthistorikers, der seine Potsdamer Villa vornehmlich mit weiblichen Aktbildern ausstaffiert, zu erklären. Das ist aber ebenso weit gefehlt, wie im Falle des kriegsbesessenen Wladimir Putin, wie der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski in der FAZ ganz richtig analysiert hat:

„Manche erklären Putin nun für verrückt. Wer nicht handele wie sie selbst, so muss man solche Erklärungen wohl verstehen, kann offenbar gar nicht verstanden werden. Im Grunde ist der Hinweis auf den Geisteszustand des Angreifers nur das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit.“ 

Manche erklären nun auch Matthias Döpfner für verrückt. Aber der Hinweis auf den Geisteszustand des Verlegers ist nur das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit der Bildzeitung gegenüber. Tatsächlich folgt Döpfner wie alle Kriegstreiber einer eigenen Logik. In seinem Fall ist es die Logik der Aufmerksamkeit und der Auflage. Denn der Krieg auf dem Nachbargrundstück hat schon so manches Mal im eigenen publizistischen Vorgarten die weiße Calla aufblühen lassen, welche die typische Bestattungsblume darstellt. Ansonsten gelten für den Kriegsherrn Döpfner, was George Bernhard Shaw in seiner ganzen pazifistischen Weisheit über den Krieg allgemein geschrieben hat:

„Krieg ist ein Zustand, bei dem Menschen aufeinander schießen, die sich nicht kennen, auf Befehl von Menschen, die sich wohl kennen, aber nicht aufeinander schießen.“

Wird die Geschichte gut enden? Nein, sie ist schon längst schlecht geendet. Es ist Krieg.

 

 

Über Medienhektor 90 Artikel
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt polit. Kommunikation an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg.

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