NDR spart sich Journalismus

(Foto: Michal Lis/Unsplash)

Der Norddeutsche Rundfunk streicht sich zusammen: Aus wichtigen journalistischen Projekten will der NDR sich zurückziehen. Dass der Hamburger Sender künftig nicht mehr beim „Zeitzeichen“ dabei sein will, flutet gerade schon die Newsfeeds der Social Media-Kanäle. Aber auch andere wichtige Programme sind betroffen, z.B. das „Echo des Tages“. Beide Formate sind übrigens Dinosaurier der deutschen Rundfunklandschaft und wurden bislang aus historischen Gründen gemeinsam von WDR und NDR produziert, weil die beiden Sender einst als NWDR eine Gemeinschaft waren (nämlich der Rundfunk in der britischen Besatzungszone). Aber nicht nur aus historischen Gründen ist dieser Plan unglücklich:

1. Eine Einsparung ergibt sich aus solchen Maßnahmen natürlich nur, wenn man dann stattdessen kein anderes journalistisches Programm sendet, sondern billige Dudelmusik. Oder man bringt stattdessen Wiederholungen oder bedient sich großzügig aus dem ARD-Pool (sodass andere ARD-Anstalten die Produktionskosten tragen müssen).
2. Es wäre natürlich sehr clever, die genannten Programme einfach vom WDR alleine produzieren zu lassen und dann als Übernahme zu senden. Aber das wäre natürlich eine große Gefahr für die ARD insgesamt.
3. Nicht nur das Radioprogramm ist betroffen: Das Medienmagazin „Zapp!“ und das „Kulturjournal“ sollen ihre Produktion „zunehmend in Online-Angebote verlagern“. Was soll daran einen Spareffekt ergeben? Der kommt ja nur, wenn insgesamt weniger Zapp und Kulturjournal produziert werden, denn der Übertragungsweg allein verursacht keine Kosten — und an deren Stelle muss im Fernsehen ja irgend etwas anderes gesendet werden, was auch produziert und finanziert werden muss. Also auch ein Einschnitt in die journalistische Qualität. Bedauerlich zumal, weil das Medienmagazin „Zapp!“ fast ein Alleinstellungsmerkmal ist, da kaum noch ein Sender sich kritischen Medienjournalismus im TV leistet.
4. Das Budget des NDR liegt bei ca. 1,2 Milliarden € im Jahr. Da ist das Einsparvolumen, das jetzt genannt wird, ein enormer Anteil. Guckt man sich die Verlautbarungen aus dem NDR der letzten Jahre an, muss man über die Höhe der Einsparungen verwundert sein. Die NDR-Rundfunkratsvorsitzende erklärte z.B. 2017, „dass der NDR für die nun beginnende vierjährige Beitragsperiode eine solide Planung vorgelegt“ habe. Hier ist zu fragen erlaubt, wie die Leitung des Senders und auch wie das Aufsichtsgremium ihren Job gemacht haben.

Informationsangebote und Kultursendungen bei öff.-rechtlichen Sendern sollten geschützt werden. Nicht nur wegen des „Auftrags“ dieser Sender, sondern weil es das ist, was im Rundfunk und Fernsehen sonst niemand kann und macht. Für alles andere gibt es Alternativen.

Links:

NDR beschließt Sparmaßnahmen

Über Medienhektor 69 Artikel
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt polit. Kommunikation an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg.

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