WWW feiert Geburtstag

(Screenshot der wiederhergestellten ersten Webpage)

In dieser Woche feiert das WWW Geburtstag. Vor genau 30 Jahren, am 12.März 1989, hat der Physiker Tim Berners-Lee, damals im Rechenzentrum der europäischen Forschungseinrichtung CERN beschäftigt, ein Konzeptpapier für ein Nachrichten- und Daten-Verteilsystem vorgelegt, das als „World Wide Web“ nicht nur weltberühmt, sondern auch weltweit Verbreitung finden sollte: Mehr als die Hälfte der Menschheit ist heute ans WWW angeschlossen. „Vague but exciting“ hat sein Vorgesetzter, der belgische Informatiker Robert Cailliau, über das Papier geschrieben (ein Screenshot und der Link zum Originalkonzept sind hier zu finden).

Die Grundidee des WWW

Ende der 1980er-Jahre arbeiteten tausende WissenschaftlerInnen mit lauter unterschiedlichen Computeranlagen, Betriebssystemen und Programmiersprachen an der europäischen Forschungseinrichtung in Genf. Berners-Lees Aufgabenstellung war, ein Hypertext-System zu entwickeln, das es auf einfache Art ermöglichen sollte, Texte, Bilder und Daten über die Systemgrenzen hinweg auszutauschen. Wie häufig bei bahnbrechenden Entwicklungen handelte es sich auch beim WWW nicht um eine einzige, sondern um ein Bündel von Erfindungen. Tim Berners-Lee entwickelte die Seitenbeschreibungssprache HTML, das Transferprotokoll HTTP, die URL (der Name kam allerdings erst später), den ersten Browser WorldWideWeb und den ersten Webserver CERN httpd unter dem Betriebssystem NeXTStep. Auch wenn heute der Begriff WWW häufig synonym für das Internet gebraucht wird, ist es in Wahrheit doch nur eine spezifische Benutzeroberfläche oder ein spezieller Dienst, der auf das weltweite Datennetz aufsetzt. Das Internet ging als Arpanet bereits 1969 in Dienst und bot auch vor 1989 schon Filesharing oder E-Mail-Kommunikation, allerdings eben nicht so spielend einfach, wie Tim Berners-Lee es sich überlegt hat. Als Systemvoraussetzungen formulierte Berners-Lee, dass

  • Zugriff und Datenaustausch zwischen verschiedenen Computersystemen möglich sein sollte,
  • jeder Informationen einstellen und aktualisieren können sollte,
  • private Links unterstützt werden sollten,
  • die NutzerInnen ihre eigenen Informations-Netze für den persönlichen Gebrauch erstellen können sollten
  • und das Einstellen von Informationen genauso simpel sein sollte wie die Suche und das Abrufen von Informationen.

Der entscheidende Schritt erfolgte vier Jahre später am 30. April 1993: Das CERN übergab die Software für das WWW offiziell der Gemeinfreiheit. Berners-Lee hatte damit dafür gesorgt, dass jeder dieses System kostenfrei nutzen darf und es wirklich zum „World Wide Web“ werden konnte. „Die Erfindung des World Wide Web hat unsere Welt transformiert und zeigt bis heute, wie Grundlagenforschung Innovationen hervorbringen kann“, sagte die heutige CERN-Generaldirektorin Fabiola Gianiotti.

Tim Berners-Lee ging nach Boston MA. und gründete das W3-Konsortium, das bis heute die inoffizielle Regierung des WWW darstellt und dem er präsidiert. die Infrastruktur wird übrigens bis heute hälftig von der US-amerikanischen Regierung und der Europäischen Union finanziert — das sollte immer mal wieder erinnert werden, wenn gerade EU-Hasser ihre Schmähattacken ausgerechnet über das Internet verbreiten.

Warnung des WWW-Gründers

Pünktlich zum Geburtstag des WWW hat sein Erfinder, Tim Berners-Lee, einen Offenen Brief an die Netzgemeinde geschrieben, in denen er vor den Gefahren eines freien Internets warnt. Dabei weist er insbesondere auf die Dialektik seiner technischen Erfindung hin:

„The web has become a public square, a library, a doctor’s office, a shop, a school, a design studio, an office, a cinema, a bank, and so much more. Of course with every new feature, every new website, the divide between those who are online and those who are not increases, making it all the more imperative to make the web available for everyone.

And while the web has created opportunity, given marginalised groups a voice, and made our daily lives easier, it has also created opportunity for scammers, given a voice to those who spread hatred, and made all kinds of crime easier to commit“.

Berners-Lee nennt vor allem drei Gründe für die mögliche Dysfunktionalität des heutigen WWW:

  1. Vorsätzlich böswillige Absichten, wie von Staaten initiierte oder geförderte Hacking-Angriffe, kriminelle Machenschaften und Cyber-Mobbing;
  2. Ein Systemdesign, das perverse Anreize schafft und in dem der Mehrwert für den Nutzer geopfert wird, wie beispielsweise durch auf Werbung basierende Monetarisierungsmodelle, die Clickbait und Fake News fördern;
  3. Unbeabsichtigte negative Folgen, die beispielsweise zu einem empörten und polarisierten Ton führen und die Qualität des Online-Diskurses mindern.

Berners-Lee, der auch bis heute der Vorsitzende des W3-Konsortiums ist, setzt sich mittlerweile für eine Weiterentwicklung des WWW ein, die er „Linked Data“ nennt: Während das WWW ein Netz aus Webseiten ist, soll mit Linked Open Data ein Netz aus Daten entstehen, die aus verschiedenen Quellen zusammen automatisch weiterverwendet werden können (Informationsintegration).

Links:

Cern: Birth of the Web

Website der europäischen Forschungseinrichtung zur Geburt des Internets vor 30 Jahren mit vielen weiterführenden Links z.B. zur allerersten Webseite oder einer Emulation des ersten Webbrowsers.

30 years on, what’s next #ForTheWeb?

Offener Brief von Tim Berners-Lee zum Zustand des WWW

Über Medienhektor 56 Artikel
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt polit. Kommunikation an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg.

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